Die Brennerbande, Teil 61


Auf dem Heimweg fragten sich die beiden, was ihnen dieser Besuch bei der Tempelwacht eigentlich gebracht hatte. Aber wenigstens hatten sie jetzt in dieser einen Sache Klarheit.
Sie verabschiedeten sich vor Gunnars Haus. "Bis morgen."
"Ja, bis morgen."
"Du weißt, dass wir Schule haben." Gunnar lächelte, als er Tiscios Grummeln hörte.

In Vilets Wohnung wurde Tiscio bereits heiß erwartet. Seine Mutter umarmte ihn sofort. Erst als er sich gelöst hatte, konnte er sehen, dass ihr Tränen die Wange herunter liefen. "Ist es nicht schrecklich, mein Junge?"
"Ja, Mutter. Aber Vilet kommt bestimmt wieder raus."
"Du hast Vilet gefunden? Hetrados sei gedankt." Sie zögerte einen Augenblick. "Vielleicht sollte ich so was nicht mehr sagen. Wo ist sie?"
"Die Tempelwacht hat sie gefangengenommen. Wegen Heri ... Heirä ... Wegen Gotteslästerung."
Jugendliche halten ihre Eltern oft genug für geistig minderbemittelt. Deswegen hatte Tiscio eigentlich einen entsetzten Aufschrei erwartet, oder dass seine Mutter in stillem Entsetzen die Hände vor den Mund nehmen würde. Stattdessen beeindruckte sie ihren Sohn durch ein einfaches, gefasstes Nicken, als wäre die Anklage wegen Gotteslästerung etwas gewesen, das immer im Bereich des Möglichen gestanden hatte.
"Sie werden sie schon bald freilassen, Junge." Sie atmete hörbar aus. "Eine Sorge weniger."
"Die sind da oben im Tempel nicht zu Späßen aufgelegt, Mutter."
"Ja, aber Vilet ist die Frühlingskönigin. Ihr wird nichts passieren."
"Hoffentlich. Wir haben da so einen kennengelernt, der hat gesagt, dass es sonst ziemlich schlimm werden wird."
"Mach dir darum keine Sorgen. Aber hör mir zu. Es ist was Schlimmes passiert."
"Noch was? Es passiert grade nur Schlimmes."
"Bei der Bombe ist Lipega umgekommen. Die gute Lipega. Sie war immer da." Das stimmte, sie war wirklich immer da gewesen. Immer ganz weit vorne in der Schlange vor Vilets kleinem Schrein. Tiscio war sprachlos. Er hatte sie nicht besonders gemocht, aber genauso wenig hatte er etwas gegen sie gehabt. Sie war eine von Vilets treuesten Anhängerinnen gewesen und mehr war da eigentlich nicht. Trotzdem war er geschockt und ein wenig traurig.
Als er schließlich im Bett lag, konnte er lange nicht einschlafen, obwohl er erschöpft war.

Verdammte Schultage. Früher, als er noch zur Fabrik gemusst hatte, waren die Schultage, trotz des Terrors durch die Lehrerin fast so etwas wie Ferien gewesen. Gehasst hatte er sie trotzdem. Nachdem er auch noch versprochen hatte, dass er sich benehmen würde, konnte er sich noch nicht mal einen kleinen Spaß erlauben. Und dazu war Gunnar auch noch, gegen jede Vernunft, froh darüber, hingehen zu können.
"Ich weiß ja, dass wir ´ne Strafarbeit kriegen, aber ich helf´ dir nachher, auch wenn du sie uns eingebrockt hast."
"Danke." Es war nicht ehrlich gemeint.
"Kein Problem. Übrigens: komm nach der Schule zu uns. Friedjof hat ein Päckchen."
Friedjof van der Linden, war Gunnars Vater. Es war also mal wieder Zeit, dass er ein wenig Geld verdiente. Bisher hatte er seine Botengänge begrüßt. Sie brachten ihn raus aus der Familie raus, zeigten ihm die Stadt. Es interessierte ihn nicht, was er überbringen musste, so lange es klein genug war, dass er es auch bequem tragen konnte. Nur der Wohnort des Kunden konnte schwierig sein. Glücklicherweise hatte Gunnars Vater bisher keine Kunden im Ingen gehabt. Aber selbst, dass er noch nicht in die Neustadt hatte gehen müssen, war eine Erleichterung, was er sich lange nicht eingestanden hatte.
Nach der Schule gingen die beiden gleich zu Gunnar nach Hause und Tiscio erhielt ein kleines Päckchen, welches verdächtig tickte. Dazu überreichte ihm der große, hagere Mann ein Schreiben und gab ihm eine Adresse: Hykandiher Allee 3. Als Xpochler wusste er natürlich, wo die Hykandiher Allee war. Als Feldstraßler hatte er jedoch nur eine ungefähre Vorstellung davon, wie es dort aussah. denn es handelte sich um die Hauptstraße durch den Olanimener Berg, jenes Viertel, das direkt neben Marktzentrum und Universität lag. Das einzige Viertel mit einer eigenen Mauer, die zudem in Stand gehalten und bewacht wurde. Wären nicht die Häuser dahinter, hätte man sie für die beste Mauer in Xpoch halten können, aber die Häuser gehörten dem alten Adel Xpochs und den Patriziern, die einen Stammbaum vorzeigen konnten, der länger als der des Königs war. Selbst den neureichen Fabrikbesitzern war es nicht gelungen, hier Häuser zu erwerben. Tiscio konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was einer von den Patriziern bei Herrn van der Linden bestellt haben könnte, aber es ging ihn wohl auch nichts an. Wichtig war nur, dass er tatsächlich durch ein Tor gelangte und sein Päckchen abgeben konnte - schon um das Ticken loszuwerden, dass ihm langsam auf den Senkel ging.
Die Wachen an den Toren des Olanimener Bergs gehörten nicht zur Metrowacht. Sie trugen einen altmodischen, glänzenden Nackenhelm mit Schweif, trugen ansonsten aber adrette Uniformen mit Gelber Jacke, blauen Litzen und blauer Hose. Die Säbel an ihren Seiten wirkten altertümlich, der Eindruck konnte aber nicht von den ausgesprochen neuen Dampfarmbrüsten ablenken. Tiscio wusste nicht viel über die verschiedenen Dampfwaffen, außer dem, was sich die Jungs untereinander erzählten. Es ging jedoch das Gerücht, dass die Armbrüste langsamer waren als die Repeater, dafür genauer schossen und größere Wunden verursachten.
Tiscio tratt auf eine der vier Wachen an der Tür heran und zeigte das Schreiben vor, dass er von Gunnars Vater erhalten hatte. Ohne viele Worte reichte ihm der Wächter einen Passierschein und gemahnte ihn streng, sich innerhalb einer halben Stunde wieder an diesem Ausgang zu melden und gefälligst den Dienstboteneingang zur Villa zu nehmen. Tiscio nickte eingeschüchtert und machte sich auf den Weg.
In Anbetracht der wenigen, breiten Straßen und großzügigen Grundstücke gab es wenig Raum für Verwechslungen. Auch den Dienstboteneingang fand er schnell. Eine ältere Angestellte in sauberer Dienstbotentracht öffnete ihm, beäugte ihn misstrauisch und quittierte den Empfang des Päckchens. Als wer wieder vor dem Haus stand, rechnete er sich aus, dass er wohl noch zwanzig Minuten Zeit hätte, um sich ein wenig im Nobelviertel umzuschauen. Wann bekam man schon mal so eine Gelegenheit? Er wollte gar nicht daran denken, wie er damit vor den anderen Feldstraßlern später angeben konnte. Er kicherte leise. Dann machte er sich auf Entdeckungsreise.
Als er schließlich von einer patrouillierenden Wache angesprochen wurde, hätte er sich zwar fast vor schiss in die Hose gemacht, war aber letztlich nicht überrascht, dass er auf schnellstem Weg hinausbugsiert wurde. Seine Ausrede, dass er sich verlaufen hatte, war der Wache nicht einmal ein müdes Lächeln wert gewesen. Der Mann geleitete ihn bis zum nächsten Tor und Tiscio erwartete jeden Augenblick, von ihm wie ein widerspenstiges Kätzchen im Nacken gepackt zu werden. Am Tor nahm man ihm seinen Passierschein ab, gab ihm noch ein paar ermahnende Worte mit auf den Weg und ließ ihn ziehen.
Er war überrascht, wie viel schmutziger ihm die Obere Altstadt jetzt erschien, nachdem er die sauberen Straßen der Reichen gesehen hatte. Die Häuser wirkten nicht nur ärmer, sie wirkten irgendwie erbärmlich und heruntergekommen. Und das, nachdem die Altstadt für ihn noch vor kurzem als das Paradies erschienen war, was die Feldstraße wohl zur Vorhölle und den Ingen zum Abgrund machte. Selbst die Luft schien bei den Reichen besser zu sein, duftender, reiner. Er biss die Zähne zusammen und überlegte auf dem Heimweg, ob es überhaupt Sinn machte, sich so ein Hohes Ziel wie ein Haus auf dem Olanimener Berg zu setzen. Es erschien ihm dann doch ein wenig zu forsch, aber vielleicht war wenigstens ein Haus in den Gerberreihen drin, wenn er sein anderes geheimes Ziel erreichen konnte. Möglicherweise konnte er Herrn Kargerheim überzeugen, dass er ihm half. Denn die Feldstraßler hatten keinen guten Leumund, wenn es darum ging, bei der Metrowacht aufgenommen zu werden.

Die Kinder aus der Feldstrasse, 03